Über die zunehmende Ablehnung und Verteufelung von Engagement in Parteien – ein Diskussionbeitrag von René Wilke.

Sich in Parteien zu engagieren ist der schwierigere, unbequemere Weg. Ich nehme wahr, dass politisches Engagement bei vielen nur noch individuelles Engagement für sich, die eigene Belange/ Interessen ist – ob bei Bürgerinitiativen, Sprechstunden, Fragestunden in Ausschüssen usw.: Politischer Erfolg, die Wählbarkeit von Parteien und Politiker*innen, vor allem aber die Werthaltigkeit von Demokratie, wird vor allem daran gemessen, wie sehr sie dem eigenen Anliegen/Bedürfnis Rechnung trägt.

Dass es sich in einer Demokratie aber nicht um die krampfhafte Durchsetzung der eigenen Interessen gegen alle anderen oder auch auf Kosten aller anderen dreht, sondern es um einen respektvollen Aushandlungsprozess von Interessen, die Suche (das kostet manchmal auch Zeit und Diskussionen) nach dem besten Weg, den Schutz von Minderheiten und das finden von Kompromissen geht, rückt immer mehr in den Hintergrund. Wenn man sich in einer Partei engagiert, geht das nicht. Man kann zwar sein Spezialthema haben, aber man kann nie nur sich und sein Interesse sehen. Man muss in einen Dialog treten, um etwas zu erreichen. Man muss breiter denken, andere Bedürfnisse mitdenken und auch den gesamtgesellschaftlichen Rahmen beachten.

Das ist – entgegen aller Verunglimpfungen – der unbequemere, der schwerere, der kompliziertere Weg und nicht der einfache. Ich habe den Eindruck, dass es in Wahrheit genau das ist, worauf viele Menschen keine Lust haben. Lieber ein Thema/Problem, dass einen selbst betrifft lösen (egal was es bei anderen für Folgen hat) oder damit scheitern und die Demokratie verteufeln. Wer nur sich und sein Interesse sieht, kommt in Parteien nicht zurecht – in einer Demokratie im übrigen auch nicht.

Genau diese Haltung ist es, die Demokratie zunehmend gefährdet, vielleicht sogar zerstören kann. Parteien sind kein Teufelszeug. Die Prinzipien, psychologischen, zwischenmenschlichen, hierarchischen Prozesse sind dieselben wie in Unternehmen, Behörden, in Freundeskreisen oder der Familie. Nicht besser und auch nicht schlechter. Die Saga von der Unterordnung in Parteien ist auch Quatsch.

Womit sollte man denn Druck ausüben oder drohen? Damit jemanden raus zu schmeißen (was im Übrigen höchst kompliziert ist)? Mit der „Drohung“ dann keinen Beitrag mehr zahlen dürfen? Was verliert man? Nichts. Was viele Verunglimpfer*innen für Unterordnung halten, ist nichts anderes als die Notwendigkeit sich mit anderen Positionen auseinanderzusetzen, Mehrheiten zu gewinnen und nicht nur sich selbst zu sehen.

Wer das verteufelt und dazu nicht bereit ist, zeigt zunächst nur, dass er/sie zu demokratischen Prozessen nicht fähig, in der Lage oder willens ist.